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Kommissionssitzung am 5./6. Juli 2018 zum Thema "Gewerkschaften": Erinnern und Vergessen in den Gewerkschaften

Auf ihrer zweiten Sitzung am 05. und 06. Juli 2018 hat sich die Kommission „Erinnerungskulturen der sozialen Demokratie“ mit der Erinnerungsgeschichte des Streiks und den Erinnerungskulturen von Gewerkschaften auseinandergesetzt.

Zunächst diskutierte Dr. Peter Birke (Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen an der Georg-August-Universität) den ‚Septemberstreik‘ von 1969 und den ‚Ford-Streik‘ von 1973 mit Blick auf die Bedeutung von ‚wilden Streiks‘ für die Erinnerungskultur. Er betonte die Relevanz von Fragmentierung der Arbeit (bspw. nach Qualifikation) und Segmentierung des Arbeitsmarktes (bspw. mit Bezug auf Migration und Geschlecht) für die erinnerungskulturelle Repräsentation der Streiks. So resultiere die vergleichsweise häufige Beachtung des ‚Ford-Streiks‘ auch aus der Migrantisierung des Streiks und damit einhergehenden rassistischen Konnotationen. Zugleich werde der Streik erinnerungskulturell als Beispiel migrantischer Handlungsmacht genutzt. Erinnerungskultur müsse, so Birke, über diese Segmentierung hinausgehen und die soziale Frage breiter in den Blick nehmen. Dabei gälte es gleichzeitig die Umkämpftheit der Ereignisse auch unter Arbeiter_innen und in den Gewerkschaften in den Blick zu nehmen. Schließlich böten aktuelle Auseinandersetzungen um Migration und Arbeit und den Zugang zu demokratischer Partizipation und sozialen Rechten für Migrant_innen Anknüpfungspunkte für gewerkschaftliche Erinnerungskultur.

Im zweiten Vortrag ging Jan Kellershohn (Institut für soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum) den Erinnerungen an den Bergarbeiterstreik von 1889 durch die Jahrhunderte nach. Dabei entdeckte er einen Wandel der zentralen Narrative in der Erinnerung an den Streik. Im Kaiserreich und in der Weimarer Republik sei die Erinnerung an den Streik für die Auseinandersetzung zwischen den Richtungsgewerkschaften genutzt worden. Während die sozialdemokratischen freien Gewerkschaften eine Klassenwerdung durch den Streik betonten, stellten christliche Gewerkschaften stärker die ständischen Traditionen der Bergmänner in den Fokus. In den 1950er und 1960er Jahren hingegen sei mit der Erinnerung an den Streik die Einheit der Bergarbeiter beschworen worden. Vor allem aber habe das Aufrechterhalten der Erinnerung an den Streik von 1889 dazu gedient, in einer eigentlich streikfreien Periode die Streikfähigkeit als Drohkulisse aufrecht zu erhalten. Im Zuge des Strukturwandels und der Schrumpfung des Steinkohlenbergbaus schließlich habe die Erinnerung der IGBE an den Streik nachgelassen, der stattdessen zu einem Erinnerungsort der Region Ruhrgebiet geworden sei.

Am zweiten Sitzungstag diskutierten die Kommissionsmitglieder eine umfassende Übersicht über gewerkschaftliche Erinnerungsarbeit seit 1945. Diese hatte Prof. Dr. Michael Schneider (ehemals Archiv der sozialen Demokratie/Universität Bonn) für die Kommission erstellt. Er beschrieb einen Wandel der Formen und der Inhalte in der gewerkschaftlichen Erinnerungskultur: So sei die Erinnerung mit Kundgebung und Gedenkansprache sowie gedruckter Publikation von anderen Formen abgelöst bzw. ergänzt worden. Neben historisch-politische Konferenzen seien Ausstellungen, Film- und Theateraufführungen, Stadtführungen sowie Internetpublikationen und einiges mehr getreten. Inhaltlich sei ein Abschleifen der widerstreitenden Positionen zur Gewerkschaftspolitik feststellbar, die lange von einer sozialdemokratischen und einer kommunistischen Perspektive geprägt gewesen seien. Im Zuge der zunehmenden Akademisierung der gewerkschaftlichen Vorstandsabteilungen und der engeren Verzahnung von Gewerkschaftsarbeit und Wissenschaft habe sich zudem ein Trend zur Erweiterung der Perspektive und zur fortschreitenden Differenzierung des Urteils entwickelt. Abschließend warb er für eine Verstärkung gewerkschaftlicher Geschichts- und Erinnerungsarbeit, zumal die Gewerkschaften wenig Anlass hätten, ihre eigene Geschichte zu verstecken. Diese gelte zumal sie sich wie kaum eine andere gesellschaftliche Großorganisation selbstkritisch ihrer Geschichte gestellt hätten.

Zum Abschluss präsentierte das Kommissionsmitglied PD Dr. Detlev Brunner (Universität Leipzig) vorläufige Überlegungen zur Erinnerungsgeschichte des FDGB. Dieser habe spätestens seit Beginn der 1950er Jahre ein dogmen-gleiches Narrativ gepflegt. Diesem zufolge sei die vermeintliche Einheit der Arbeiterbewegung in der SED und dem FDGB die historische Lehre aus dem „Verrat“ der Gewerkschaftsführungen 1933 und dem von der KPD dominierten Widerstandskampf gewesen. Zwar hätten sich zum Ende der 1980er Jahre Modernisierungstendenzen in der Geschichtsvermittlung gezeigt. Doch seien auch diese mit dem Ende der DDR hinfällig gewesen. In der Folge habe sich ein neues Narrativ entwickelt, in dem die Übernahme des westdeutschen Gewerkschaftsmodells als einzig Erfolg versprechendes Modell unter den Bedingungen sozialer Marktwirtschaft betrachtet wurde. Die Beurteilung der FDGB-Vergangenheit sei nun ausnahmslos negativ gewesen. Auch wenn eine ‚Ostalgie‘ in Bezug auf den FDGB nicht festzustellen sei, betonte Brunner, dass die Bedeutung des Gewerkschaftsbundes für die Lebensrealität und den Alltag von Millionen von Menschen in der DDR auch erinnerungsgeschichtlich nicht unterschätzt werden sollte. Abschließend stellte er fest, dass es keine einheitliche Erinnerungsgeschichte des FDGB geben könne. Als Ausgangspunkte zu deren Untersuchung nannte er zum einen die Geschichtspolitik der Gewerkschaften ab 1990 und zum anderen die zeitgenössische Wahrnehmung sowie die Erinnerung von Zeitgenossinnen und Zeitgenossen.

Ulf Teichmann


Weiterführende Links

Peter Birke beim SOFI

Jan Kellershohn beim Institut für soziale Bewegungen

Michael Schneider bei der Universität Bonn

Detlev Brunner bei der Universität Leipzig

 

Arbeitspapiere zur Sitzung

Michael Schneider - Erinnerungskulturen der Gewerkschaften nach 1945. Bestandsaufnahme und Perspektiven

Peter Birke - Demokratisierung von Erinnerungskultur. Der Septemberstreik bei Hoesch

Jan Kellershohn - Streik und Erinnerung. Der Bergarbeiterstreik von 1889 als vergangenheitspolitische Ressource

 

ZUM THEMA

Rollen und Aufgabenfelder sowie Selbstverständnis und Organisationsprinzipien der Gewerkschaften haben sich seit ihrer Entstehung immer wieder gewandelt.

Wie werden in den Gewerkschaften ihre Entstehungsgeschichte(n) und ihre großen Veränderungsprozesse erinnert, welche Rolle spielen z.B. historische Argumentationen in Debatten um die Organisationsform der Gewerkschaft (Industrieverbandsprinzip und Einheitsgewerkschaft)? Was sind Erinnerungsorte in der Gewerkschaftsgeschichte und welche Bedeutung haben und hatten die Erinnerungen der Gewerkschaften für ihre Politik?

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