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Kommissionssitzung am 02./03. Mai 2019: Erinnern an ein Zukunftsversprechen? Sozialpolitik, Bildung und die Erinnerungsgeschichte der Gleichheit

Am 02. und 03. Mai 2019 kam die Kommission „Erinnerungskulturen der sozialen Demokratie“ zu ihrer vierten Sitzung zusammen. Im Mittelpunkt des Treffens im Haus der Geschichte des Ruhrgebiets in Bochum stand die Erinnerungsgeschichte der Gleichheit.

Doch zunächst präsentierte Marko Demantowsky theoretische Überlegungen, die die Praxis der Kommission direkt betreffen. Mit seinem Papier „Was ist Public History (in der sich digitalisierenden Welt)?“ ging er einer Frage nach, auf die die Kommission in ihren Untersuchungen und Beratungen vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Erinnerungskulturen sozialer Demokratie wiederholt gestoßen war. Public History definierte er dabei als einen komplexen vergangenheitsbezogenen Identitätsdiskurs, in dessen Zentrum die wechselseitige Anerkennung oder Nicht-Anerkennung von Narrativen steht. In diesem Sinne ließe sich auch das Konzept der Erinnerungskulturen, wie es die Kommission zur Grundlage ihrer Arbeit gemacht hat, mit dem von Public History verbinden.

Mit Blick auf die Digitalisierung der Public History, so Demantowskys These, ändere sich nichts, und doch alles. Das Bedürfnis nach Anerkennung und Identifikation über narrative Angebote bleibe auch im Digitalen bestehen, doch ändere sich die Zeiterfahrung durch die „Timelinisierung“ der digitalen Weltbegegnung und die radikal zugespitzte Konkurrenz in der Aufmerksamkeitsökonomie. Aufbauend auf der Annahme, dass, wer seine Public History-Arbeit nicht radikal umbaue, irrelevant werde, diskutierte Demantowsky schließlich sechs Aspekte, die bei diesem Umbau berücksichtigt werden müssten: Erstens müsse vergangenheitsbezogener Content anders gestaltet, beispielsweise personalisiert und eventisiert und adversativ orientiert werden. Zweitens gebe es neue Anforderungen an die grafische Gestaltung, die zugleich überraschend bleiben und wiedererkennbar sein müsse. Drittens betonte er die Notwendigkeit, Informationen nicht wie in analogen Medien unidirektional zu senden, sondern dialogisch und kommunikativ zu gestalten. Viertens gelte es, die Eigenstruktur und -logik verschiedener digitaler Formate zu berücksichtigen und Inhalte darauf zuzuschneiden. Fünftens sei zu evaluieren, was bei welchen Zielgruppen, auf welchen Medien gut funktioniere. Und schließlich sechstens betonte Demantowsky, dass all dies inhaltlich und technisch qualifizierte Personalressourcen verlange, also Geld koste. Die anschließende angeregte Diskussion versuchte die vorgebrachten Thesen und Ratschläge auf die Arbeit der Kommission zu übertragen.

Den Einstieg ins eigentliche Thema der Sitzung bot Christoph Lorke, der seine Überlegungen zu „Gleichheitsversprechen und ihr Erinnern im geteilten und vereinten Deutschland“ vorstellte. Die häufig implizit gebliebenen erinnerungskulturellen Dimensionen von Gleichheitsdebatten und Sozialpolitik in den Blick nehmend zeigte er auf, dass die Ideengeber sozialpolitischer Maßnahmen der „alten Bundesrepublik“ ihr Agieren zumindest bis in die mittleren 1970er Jahre hinein explizit als etwas historisch Neues verstanden. Dies war als dezidierter Gegenentwurf zu parallelen (DDR) sowie früheren Gleichheitsideen gedacht. In der DDR sei die Erinnerung an bis 1945 in Deutschland geltenden „bürgerlich-kapitalistischen“ Gleichheitspostulate auch implizit dauerhaft präsent gewesen, da die DDR als alternative gesellschaftliche Konzeption diese ganz grundsätzlich ad acta zu legen versucht habe. Die DDR sei daher eine Art permanente Erinnerung an das überkommene Alte gewesen, während die eigenen Errungenschaften als Verifizierung dieser (auch erinnerungspolitischen) ‚Wende‘ hergehalten hätten.

Für die Bundesrepublik zeigte er dies anhand erinnerungskulturell aufgeladener Konzepte wie dem „Wirtschaftswunder“ oder der „Sozialen Marktwirtschaft“ oder zu Erinnerungsorten gewordener Reformen wie der Rentenreform von 1957 oder dem Bundessozialhilfegesetz von 1961. Für die DDR lassen sich wohl am ehesten die sozialen Rechte, wie das Recht auf Arbeit, als Erinnerungsort fassen, das Erich Honecker rückblickend von Arbeitslosigkeit als „Begriff aus einer anderen, fremden Welt“ hat sprechen lassen.

Schließlich nahm Lorke die hochkontroversen Aushandlungskämpfe der 1990er Jahre in den Blick. Selten sei so umstritten und ideologisch aufgeladen gewesen, wie soziale Ungleichheit zu deuten ist. Hier sah er das kumulierte Produkt jahrzehntelanger Sinnfragen und Suchbewegungen um diese normative Gesellschaftsfrage.

Anschließend wurde diskutiert, ob nicht auch die erinnerungskulturellen Dimensionen von mit Gleichheit verwandten Begriffen wie Solidarität, Gerechtigkeit und Armut in den Blick genommen werden müssten. Zudem kam die Frage auf, welche Rolle Erinnerungen an völkische Gleichheitsversprechen im Nationalsozialismus für die Debatten in der DDR und der BRD spielten. Diese seien, so Lorke, beispielsweise im Konzept der nivellierten Mittelstandsgesellschaft in demokratischer Form aufgehoben.

Nach diesen eher auf allgemeine soziale (Un-)Gleichheit bezogenen Überlegungen ergänzte Franz-Josef Jelich am zweiten Sitzungstag den Aspekt der Bildung als zentrales Instrument zur Herstellung von Gleichheit. Sein Papier mit dem Titel „Bildungsaspiration und -partizipation von Arbeiterkindern und -jugendlichen der Weimarer Republik“ untersuchte wie Erfahrungen des Aufstiegs durch Bildung in autobiografischen Texten erinnert wurden. Dafür nahm Jelich Autobiografien von Willy Brandt, Adam Wolfram und Paul Priebe in den Blick. Allen sei gemeinsam gewesen, dass sie keine geradlinigen Bildungsbiografien haben entwickeln können.

Mit Blick auf Erinnerungsmuster lassen sich in Jelichs Ergebnissen eine Individualisierung von Bildungserfolg, wie -misserfolg erkennen. Erfolgreiche Bildungsbiografien seien als Ausnahmesituation betrachtet, das Ausbleiben von Bildungschancen aus ökonomischen Gründen als private Misere gesehen worden. Erweitern ließen sich bisherige Erkenntnisse durch eine stärkere Berücksichtigung weiblicher Biografien sowie kollektivbiografische Ansätze. Für letzteres aber sei die Quellenlage vermutlich nicht ausreichend.

In welchem Zusammenhang die autobiografischen Erinnerungen zu zeitgenössischer (Bildungs-)Politik standen, war eine der Fragen, die die Kommission in der Diskussion des Papieres beschäftigten. Jelich sah hier einen Zusammenhang durchaus gegeben, insbesondere bei Willy Brandt, dessen Anspruch, mehr Demokratie zu wagen, auch eng mit der Priorisierung von Bildung verknüpft gewesen sei. Darüber hinaus wurde unter anderem diskutiert, welche Rolle Bildungserfahrungen jenseits der Schule für Aufstiegsbiografien und in der Erinnerungskultur spielten.

Insgesamt zeigte diese Kommissionsitzung, dass die Erinnerungsgeschichte von Gleichheit ein komplexes, aber lohnendes Unterfangen ist. Weitere Aspekte, die eine Untersuchung wert wären, wie beispielsweise die Erinnerungsgeschichte der Armut, des Steuersystems oder jüngerer Bildungsreformen, konnten nur am Rande diskutiert werden, und offenbaren weiteren Forschungsbedarf.

Ulf Teichmann

 

Weiterführende Links

Marko Demantowsky bei der FHNW

Christoph Lorke bei der WWU Münster

Franz-Josef Jelich bei der Ruhr-Universität Bochum 

 

Zum Weiterlesen

Marko Demantowsky – What is Public History? (Open Access)

Christoph Lorke – Die Einheit als „soziale Revolution“. Debatten über soziale Ungleichheit in den 1990er Jahren (auf zeitgeschichte-online)

 

Arbeitspapiere zur Sitzung

Christoph Lorke - Gleichheitsversprechen und ihr Erinnern im geteilten und vereinten Deutschland


 

 

ZUM THEMA

Mit der sozialen Demokratie verbindet sich das Versprechen wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Teilhabe für alle und der Angleichung der Lebensverhältnisse.

In der Geschichte der Bundesrepublik wurde dies verbunden mit einem Aufstiegsversprechen und einer expansiven Bildungspolitik. In herrschenden Diskursen der DDR galt die Gleichheit hingegen als bereits erreicht. Beide Narrative sind, so lässt sich annehmen, als etwas Verlorenes tief in gegenwärtigen Erinnerungskulturen verankert. Die Erinnerungsgeschichte der sozialen Demokratie kann hier fragen, wie das West- und das Ost-Narrativ zu Gegenständen kollektiver Erinnerung wurden. Wer erinnerte wann daran? Zeigen sich hier Konjunkturen? Welche (kollektiven) Akteur_innen sind in diesen spezifischen Erinnerungen die Träger_innen und Erzeuger_innen von Gleichheit: der Staat, Gewerkschaften, Parteien oder doch die Individuen selbst? Welche Politikfelder sind in der Erinnerung mit diesen Narrativen verbunden, welche Rolle spielt Bildung dabei?

Alternativ könnte die Erinnerungsgeschichte der sozialen Demokratie untersuchen, welche historische Unterfütterung die zentralen Werte der Arbeiterbewegung wie Gleichheit in der longue durée hatten. Wurde in den Debatten um Grundwerte von Gewerkschaften und anderen kollektiven Akteuren sozialer Demokratie auch mit Rückgriffen auf das kommunikative und kulturelle Gedächtnis argumentiert, mit der Tradition der französischen Revolution o.ä.? Und falls ja, wie und warum veränderten sich die Bezugspunkte des Erinnerns in mehr als 150 Jahren Geschichte?

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